LS Los Santos Fire Department — EMS Bureau Rettungsdienst
Los Santos Fire Department — EMS Bureau Kapitel 14 von 19 Nur für den Dienstgebrauch
Teil III — Einsatztaktik

Sichtung und MANV

MANV (Massenanfall von Verletzten), englisch MCI (Mass Casualty Incident): mehr Patienten, als die anwesenden Kräfte einzeln versorgen können.

Der Grundsatz, der allem widerspricht, was man sonst tut:

Grundsatz

Bei einem MANV wird nicht behandelt. Es wird sortiert.

Wer sich beim ersten Schwerverletzten hinkniet, hat den Einsatz verloren. Die ersten Minuten gehören der Übersicht, nicht dem Patienten.

Das ist die härteste Umstellung im Rettungsdienst — und der Grund, warum MANV geübt werden muss und nicht improvisiert werden kann.


1. Wann es ein MANV ist

Nicht an der Zahl, sondern am Verhältnis:

Grundsatz

Patienten > Kräfte.

Drei Patienten und ein Rettungswagen ist ein MANV. Zehn Patienten und sechs Rettungswagen ist ein Großeinsatz, aber keine Sichtungslage.

Stufen aus Kapitel 04:

Stufe Patienten
Multi-Patient 3–5
MCI Level 1 ca. 6–15
MCI Level 2 ca. 16–50
MCI Level 3 über 50

2. Die ersten fünf Minuten

Das Wichtigste am ganzen Kapitel. Wer als Erster ankommt, macht das — und nichts anderes:

# Schritt
1 Nicht aussteigen und behandeln. Erst Übersicht
2 Umfahren oder überblicken, soweit möglich — wie groß ist die Fläche, wo liegen Patienten
3 Gefahren feststellen — Feuer, Gefahrstoff, Einsturz, Täter, Verkehr
4 Zahl schätzen — grob reicht. „Etwa zehn" ist brauchbar, „unklar" nicht
5 MANV erklären und melden — Lage, Zahl, Gefahren, Bedarf, Zugangsweg
6 Einsatzleitung Rettungsdienst vorläufig übernehmen und das ansagen
7 Sichtung beginnen — nach START, nicht behandeln
8 Übergeben, sobald ein EMS Captain oder Battalion Chief eintrifft

Die Erstmeldung

Sie ist der Funkspruch, an dem der ganze Einsatz hängt:

Funkspruch

„Dispatch von Rescue 27: Ich erkläre MCI Level 1. Kreuzung Vespucci Boulevard und Rockford Drive, Bus gegen Lkw. Etwa zehn bis zwölf Patienten, davon mehrere gehfähig. Keine Gefahrstoffe erkennbar, Verkehr läuft noch. Brauchen Battalion, vier Rescues, eine Engine und LSPD zur Absperrung. Zufahrt über Rockford Drive von Norden. Rescue 27 übernimmt vorläufig die Einsatzleitung Rettungsdienst und beginnt die Sichtung."

Fünf Angaben: Stufe · Ort und Ursache · Zahl · Gefahren · Bedarf. Dazu Zufahrt und Führung. Mehr nicht, und nichts davon weglassen.

Hinweis

Zu spät erklärt ist der häufigere Fehler als zu früh. Eine zurückgenommene MANV-Erklärung kostet nichts außer ein paar Kilometern Anfahrt. Eine zu späte kostet die Zeit, in der die Kräfte schon unterwegs gewesen wären.


3. START — das Sichtungsverfahren

START steht für Simple Triage and Rapid Treatment. Es wurde 1983 in Newport Beach, Kalifornien, entwickelt und ist das in den USA am weitesten verbreitete Sichtungsverfahren. Es gilt für Patienten, die älter als etwa acht Jahre erscheinen.

Gemerkt wird es als RPM: Respirations, Perfusion, Mental Status.

Der Ablauf

   Kann der Patient gehen?
   │
   ├─ JA ──────────────────────────────────────────► GRÜN  (leicht)
   │                    "Wer laufen kann, geht bitte dort hinüber."
   │
   └─ NEIN
        │
        ▼  ATMUNG
        ├─ Atmet nicht ──► Atemweg freimachen
        │                   ├─ atmet jetzt ─────────► ROT   (sofort)
        │                   └─ atmet nicht ─────────► SCHWARZ
        │
        ├─ Atmung sehr schnell ─────────────────────► ROT
        │
        └─ Atmung normal
             │
             ▼  KREISLAUF
             ├─ Rekapillarisierung verzögert
             │   ODER kein Puls am Handgelenk ──────► ROT
             │
             └─ Kreislauf in Ordnung
                  │
                  ▼  BEWUSSTSEIN
                  ├─ Kann einfache Aufforderung
                  │   nicht befolgen ───────────────► ROT
                  │
                  └─ Kann sie befolgen ─────────────► GELB  (dringend)

Die Kategorien

Farbe Bedeutung Transport
ROT Sofort. Lebensbedrohlich, aber mit guten Überlebensaussichten Zuerst
GELB Dringend. Schwer verletzt, kann aber warten Danach
GRÜN Leicht. Gehfähig Zuletzt, oft gesammelt
SCHWARZ Tot oder unter den gegebenen Mitteln nicht überlebensfähig Kein Transport

Die drei Regeln beim Sichten

  1. Maximal 30 Sekunden pro Patient. Man stellt drei Dinge fest und geht weiter.
  2. Es wird genau zweierlei behandelt: ein verlegter Atemweg wird freigemacht und eine lebensbedrohliche Blutung wird gestillt. Sonst nichts. Kein Zugang, keine Schiene, kein Sauerstoff.
  3. Jeder wird markiert, auch der Grüne, auch der Schwarze. Ein unmarkierter Patient wird ein zweites Mal gesichtet, und das kostet die Zeit von jemandem, der wartet.
Warum „Wer gehen kann, geht dort hinüber" der wirksamste Satz ist

Er sortiert in Sekunden den größten Teil der Patienten aus. Bei einem Busunfall mit zwölf Verletzten sind sieben gehfähig. Die stehen dann an einer Stelle, sind grün, und man hat sich zwölf Einzelbeurteilungen auf fünf reduziert.

Schwarz

Der schwerste Teil. Bei einem MANV bedeutet Schwarz nicht nur „tot", sondern auch „unter den verfügbaren Mitteln nicht zu retten".

Hinweis

Ein Patient, der nach Freimachen des Atemwegs nicht atmet, wird bei einem MANV nicht reanimiert. Nicht, weil er es nicht wert wäre, sondern weil die zwei Helfer, die ihn reanimieren würden, in derselben Zeit vier rote Patienten versorgen könnten.

Das ist die Entscheidung, die den Unterschied zwischen Sichtung und Einzelversorgung ausmacht, und sie ist der Grund, warum niemand das gerne übt. Sie muss aber getroffen werden, und zwar von der Person, die sichtet — nicht diskutiert.


4. Einsatzstellenorganisation

Sobald genug Kräfte da sind, wird die Fläche gegliedert. Jeder Abschnitt hat eine Person, die ihn führt.

Abschnitt Aufgabe
Einsatzleitung Gesamtlage, Anforderungen, Kontakt zu Polizei und Feuerwehr
Sichtung Findet und markiert alle Patienten. Meldet Zahlen je Farbe
Behandlung Behandlungsplatz, nach Farben getrennt. Hier wird erst wirklich behandelt
Transport Wer fährt wohin und wann. Führt die Liste
Bereitstellung Sammelplatz für ankommende Fahrzeuge und Kräfte
Sicherheit Beobachtet Gefahren, kann den Abschnitt räumen lassen

Der Transportabschnitt ist der Engpass

Nicht die Behandlung. Der Transportabschnitt entscheidet:

Frage
Welcher Patient fährt als Nächstes?
In welche Klinik?
Wie viele hat diese Klinik schon bekommen?
Wer sitzt in welchem Fahrzeug?
Die Regel, die Kliniken schützt

Nicht alle Roten in dasselbe Krankenhaus. Wer sechs Schwerverletzte in ein Trauma Center fährt, hat aus einem MANV an der Straße einen MANV im Schockraum gemacht. Die Verteilung ist Aufgabe des Transportabschnitts, im Zweifel in Rücksprache mit dem Base Hospital.

Die Liste

Eine Patientenliste wird vom ersten Moment an geführt. Minimal:

Nr. Farbe Geschlecht/Alter Kurzbefund Fahrzeug Klinik Zeit
1 Rot m, ~40 Thoraxtrauma R27 Pillbox 21:14
2 Gelb w, ~30 Unterarm offen R802 Central 21:22

Ohne Liste weiß hinterher niemand, wer wohin gefahren ist — und das ist der Fehler, der Angehörige tagelang suchen lässt.


5. Trainingsszenario

Aufbau: Sechs bis zwölf Übungspatienten mit Rollenkarte („Sie atmen nicht", „Sie können gehen, haben Schmerzen im Arm", „Sie sind bewusstlos, atmen schnell"). Zwei Rettungswagen, eine Engine, ein Ausbilder als Beobachter.

Runde Lage Was geprüft wird
1 Vier Patienten, ein Rettungswagen Wird MANV erklärt? Wird gesichtet statt behandelt?
2 Zehn Patienten, davon sechs gehfähig Wird der Grün-Satz gerufen? Zeitverbrauch pro Patient?
3 Ein Patient atmet nach Atemwegsfreimachung nicht Wird Schwarz markiert und weitergegangen?
4 Sichtung fertig, drei Rot Werden die drei auf verschiedene Kliniken verteilt?
5 Angehöriger hält den sichtenden Sanitäter fest Bleibt er bei der Sichtung? Delegiert er den Angehörigen?
6 EMS Captain kommt an Wird die Einsatzleitung förmlich übergeben — mit Lage, Zahlen, Abschnitten?

Automatisch nicht bestanden: beim ersten Patienten hingekniet und behandelt · MANV nicht erklärt · mehr als eine Minute pro Patient · Patienten nicht markiert · bei einem MANV reanimiert · alle Roten in dieselbe Klinik · keine Liste geführt.


6. Typische Fehler

Fehler Folge
Beim ersten Schwerverletzten hingekniet Elf andere ungesichtet. Der Fehler.
MANV zu spät erklärt Kräfte kommen zu spät, weil sie zu spät losgefahren sind
Patientenzahl nicht geschätzt Dispatch kann nicht disponieren
Zu lange pro Patient Die Sichtung dauert länger als der Einsatz erlaubt
Nicht markiert Doppelte Sichtung, verlorene Zeit
Bei einem MANV reanimiert Vier rote Patienten unversorgt
Grüne nicht weggeschickt Elf Einzelbeurteilungen statt fünf
Grüne vergessen Unter „nur leicht verletzt" steckt regelmäßig ein Ernstfall
Kein Behandlungsplatz festgelegt Patienten liegen verstreut, niemand findet sie wieder
Keine Patientenliste Niemand weiß, wer wohin gefahren ist
Alle Roten in eine Klinik Der MANV wird in den Schockraum verschoben
Einsatzleitung nicht förmlich übergeben Zwei Leute glauben, sie führen

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