Trauma und Blutungskontrolle
Trauma ist der häufigste schwere Einsatz — Schüsse, Stiche, Verkehrsunfälle, Stürze. Dieses Kapitel entscheidet deshalb am meisten darüber, wie gut ein Rettungsdienst arbeitet.
Der Grundsatz:
Der Schwerverletzte braucht keinen Rettungsdienst. Er braucht einen Operationssaal. Unsere Aufgabe ist, ihn dorthin zu bringen — nicht, ihn vor Ort zu heilen.
1. Der Unterschied zum medizinischen Notfall
| Medizinischer Notfall | Trauma | |
|---|---|---|
| Ziel vor Ort | Ursache finden und behandeln | Stabilisieren und transportieren |
| Zeit vor Ort | Kann länger sein | So kurz wie möglich |
| Was hilft | Medikamente, Beurteilung | Blutung stoppen, Sauerstoff, Wärme, Fahren |
| Zielklinik | Nach Fachgebiet | Trauma Center, wenn Kriterien erfüllt |
Die Zehn-Minuten-Regel aus Kapitel 10 gilt hier besonders: Beim kritischen Traumapatienten nicht länger als etwa zehn Minuten an der Einsatzstelle. Zugang legen, Werte messen, schienen — alles, was im fahrenden Wagen geht, passiert im fahrenden Wagen.
2. Blutungskontrolle — die Stufenleiter
Das x aus dem xABCDE. Es wird in dieser Reihenfolge eskaliert, und jede Stufe wird ausprobiert, bevor die nächste kommt:
| Stufe | Maßnahme | Wann |
|---|---|---|
| 1 | Direkter Druck | Immer zuerst. Mit der Hand, fest, auf die Blutungsquelle — nicht daneben |
| 2 | Druckverband | Wenn der Druck hält und man die Hand braucht |
| 3 | Wundpackung | Bei tiefen Wunden an Rumpf-Übergängen (Leiste, Achsel, Hals), wo kein Tourniquet greift |
| 4 | Tourniquet | Bei lebensbedrohlicher Blutung an Arm oder Bein, die mit Druck nicht steht |
| 5 | Beckenschlinge | Bei Verdacht auf Beckenverletzung — dort blutet man innerlich aus |
Tourniquet
| Regel |
|---|
| Hoch und fest. Oberhalb der Verletzung, nicht direkt am Rand |
| Zuziehen, bis die Blutung steht. Ein Tourniquet, das noch bluten lässt, ist ein Stauschlauch und verschlimmert es |
| Zeitpunkt notieren — auf dem Tourniquet selbst und im PCR. Die Klinik muss es wissen |
| Nicht wieder lösen. Das entscheidet die Klinik, nicht der Rettungsdienst |
| Sichtbar lassen. Nicht unter eine Decke |
| Es tut weh. Das ist kein Zeichen eines Fehlers |
Das Tourniquet ist bei lebensbedrohlicher Extremitätenblutung die richtige Maßnahme und kein letztes Mittel. Der historische Reflex „nur im äußersten Notfall" hat Menschen das Leben gekostet. Umgekehrt gilt: Auf einer Platzwunde am Unterarm hat es nichts zu suchen.
Innere Blutung
Die, die man nicht sieht und nicht stillen kann. Verdacht bei:
| Zeichen |
|---|
| Schockzeichen ohne sichtbare äußere Blutung |
| Bauch gespannt, druckschmerzhaft, wird härter |
| Beckenverletzung |
| Sturz aus Höhe, Hochrasanztrauma |
| Rippenbrüche, Prellmarke am Rumpf |
| Blutverdünner in der Medikation |
Behandlung: Es gibt keine vor Ort. Sauerstoff, Wärme, Lagerung, Transport ins Trauma Center, Voranmeldung mit dem Wort „Verdacht auf innere Blutung". Der Rest ist Chirurgie.
3. Schock
Schock ist Kreislaufversagen — nicht Aufregung. Er ist der Zustand, an dem Traumapatienten sterben, und er wird regelmäßig zu spät erkannt.
Zeichen
| Früh | Spät |
|---|---|
| Unruhe, Angst, „mir ist schlecht" | Bewusstseinstrübung |
| Blasse, kalte, feuchte Haut | Grau-marmorierte Haut |
| Puls schnell und schwach | Puls kaum tastbar |
| Atmung schnell | Atmung unregelmäßig |
| Durst | Kein Blutdruck mehr messbar |
| Blutdruck noch normal |
Der Blutdruck fällt spät. Ein junger Mensch kann einen erheblichen Blutverlust lange mit Herzfrequenz kompensieren — und bricht dann plötzlich ein. Wer auf einen niedrigen Blutdruck wartet, um einen Schock zu diagnostizieren, diagnostiziert ihn im Moment des Zusammenbruchs.
Ein schneller Puls bei kalter, feuchter Haut ist ein Schock. Punkt.
Behandlung
| Maßnahme |
|---|
| Blutung stoppen — das ist die Behandlung |
| Sauerstoff |
| Flach lagern, Beine hoch, solange es keine Kontraindikation gibt |
| Wärmen — Decke, Heizung im Fahrzeug hoch. Unterkühlung verschlechtert die Gerinnung |
| Volumen im Rahmen des Scope (AEMT/Paramedic) |
| Transport, Code 3, Trauma Center |
Der Dreiklang, an dem Traumapatienten sterben: Unterkühlung, Übersäuerung, Gerinnungsstörung. Das einzige davon, was der Rettungsdienst beeinflussen kann, ist die Temperatur. Deshalb ist die Decke keine Freundlichkeit, sondern Therapie.
4. Trauma-Center-Kriterien
Wann der Patient nicht in das nächste Krankenhaus fährt, sondern in ein Trauma Center. In LA County ist das nach festen Kriterien geregelt; sinngemäß:
Vitalparameter
| Kriterium |
|---|
| Anhaltende Zeichen schlechter Durchblutung |
| Beatmungspflichtigkeit |
| Deutlich eingeschränktes Bewusstsein oder Verschlechterung im Verlauf |
| Bedarf an sofortiger Blutgabe |
Verletzungsmuster
| Kriterium |
|---|
| Penetrierende Verletzung von Kopf, Hals, Brust oder Bauch |
| Extremitätenverletzung mit fehlendem Puls oder Nervenausfall |
| Zwei oder mehr Brüche langer Röhrenknochen |
| Instabiler Brustkorb, instabiles Becken |
| Amputation oberhalb von Hand oder Fuß |
| Lähmung, Verdacht auf Wirbelsäulenverletzung mit Ausfällen |
| Schwere Verbrennung — oder Burn Center |
Unfallmechanismus
| Kriterium |
|---|
| Sturz aus erheblicher Höhe |
| Hochrasanzunfall, Insasse eingeklemmt oder Mitinsasse verstorben |
| Fußgänger oder Radfahrer von einem Fahrzeug erfasst |
| Motorradunfall mit Trennung von Fahrer und Maschine |
Und die Zeile, die alle anderen schlägt
Ein Patient, bei dem eine lebens- oder gliedmaßenerhaltende Maßnahme innerhalb der nächsten Stunden wahrscheinlich nötig wird, gehört ins Trauma Center — auch wenn er formal kein Kriterium erfüllt.
Das ist kein Hintertürchen, sondern ausdrücklich vorgesehen. Wenn dein Bauch sagt „der ist schlechter, als er aussieht", dann fährst du ins Trauma Center und begründest es im PCR.
5. Schuss- und Stichverletzungen
In Los Santos ein Standardeinsatz, deshalb ein eigener Abschnitt.
| # | Besonderheit |
|---|---|
| 1 | Einsatzstelle ist bis zur Freigabe unsicher. Staging, siehe Kapitel 09. Der Täter ist erstaunlich oft noch da |
| 2 | Alle Wunden finden. Ein Einschuss hat oft einen Ausschuss, und Patienten werden mehrfach getroffen. Vollständig entkleiden, Rücken und Achseln ansehen |
| 3 | Zählen und dokumentieren. Wie viele Wunden, wo. Die Polizei braucht das, und die Klinik auch |
| 4 | Nicht sondieren. Nicht hineinfassen, nicht messen, nichts herausziehen |
| 5 | Steckengebliebene Gegenstände bleiben stecken und werden stabilisiert — nicht gezogen |
| 6 | Offene Brustwunde: abdecken nach lokaler Leitlinie, Atmung eng überwachen. Verschlechterung unter Beatmung → Verdacht auf Spannungspneumothorax → Paramedic |
| 7 | Meldepflicht. Schuss- und Stichverletzungen werden der Polizei gemeldet, auch wenn der Patient es nicht will (Kapitel 07) |
| 8 | Beweismittel schonen — Kleidung an den Nähten schneiden, nicht durch die Löcher. Nichts wegwerfen (Kapitel 15) |
| 9 | Was der Patient sagt, wörtlich notieren. Manchmal die einzige Aussage, die es gibt |
6. Immobilisation
Der Bereich, in dem sich die Praxis am stärksten gewandelt hat. Früher wurde jeder Verkehrsunfallpatient auf ein Brett geschnallt; heute wird zurückhaltender immobilisiert, weil die Maßnahme selbst Schaden anrichten kann.
| Immobilisieren bei | Nicht nötig bei |
|---|---|
| Schmerz oder Druckschmerz an der Wirbelsäule | Wachem, orientiertem Patienten ohne Nacken- oder Rückenschmerz und ohne Ausfälle |
| Neurologischen Ausfällen, Kribbeln, Lähmung | |
| Bewusstseinsstörung nach Trauma | |
| Erheblicher Verletzungsmechanismus mit unklarem Befund | |
| Alkohol- oder Drogeneinfluss, der die Beurteilung unmöglich macht |
Wie: Kopf in Neutralposition, achsengerecht bewegen, möglichst wenig umlagern. Beim kritischen Patienten hat die Immobilisation Vorrang hinter dem Transport — niemand stirbt an einer nicht angelegten Halskrause, aber viele an zehn verlorenen Minuten.
7. Trainingsszenario
| Runde | Lage | Was geprüft wird |
|---|---|---|
| 1 | Platzwunde am Unterarm, blutet stark | Stufenleiter: Druck → Verband. Kein Tourniquet |
| 2 | Spritzende Blutung am Oberschenkel | Tourniquet, hoch und fest, Zeit notiert, sichtbar gelassen |
| 3 | Sturz aus 6 m, wach, klagt über Bauchschmerz, Haut kalt und feucht | Schock erkannt trotz normalen Blutdrucks? Trauma Center? |
| 4 | Schussverletzung Bauch, Einsatzstelle laut Meldung unsicher | Staging eingehalten? Ausschuss gesucht? Meldepflicht? |
| 5 | Messer steckt im Rücken | Wird es dringelassen und stabilisiert? |
| 6 | Verkehrsunfall, Patient wach und orientiert, keine Rückenschmerzen | Wird auf die Immobilisation verzichtet und begründet? |
| 7 | Kritischer Traumapatient, Anwärter will vor Ort noch zwei Zugänge legen | Zehn-Minuten-Regel |
Automatisch nicht bestanden: Tourniquet bei harmloser Blutung · steckengebliebenen Gegenstand gezogen · Wunde sondiert · Patient nicht vollständig entkleidet und Ausschuss übersehen · Schussverletzung nicht gemeldet · über 15 Minuten beim kritischen Patienten vor Ort · nicht gewärmt.
8. Typische Fehler
| Fehler | Folge |
|---|---|
| Druck daneben statt auf die Quelle | Blutung läuft weiter |
| Tourniquet zu locker | Stauschlauch, Blutung wird schlimmer |
| Tourniquet bei Bagatellblutung | Unnötiger Schaden |
| Tourniquet-Zeit nicht notiert | Klinik kann nicht planen |
| Tourniquet zugedeckt | Wird in der Klinik übersehen |
| Schock erst bei niedrigem Blutdruck erkannt | Zu spät |
| Nicht gewärmt | Gerinnung bricht zusammen |
| Patient nicht vollständig entkleidet | Zweite Wunde übersehen |
| Wunde sondiert oder Gegenstand gezogen | Schwere Blutung ausgelöst |
| Kleidung durch das Einschussloch geschnitten | Beweismittel zerstört |
| In das nächste statt ins richtige Krankenhaus | Zweiter Transport, verlorene Zeit |
| „Stay and Play" beim kritischen Trauma | Der häufigste vermeidbare Todesfall im Rettungsdienst |
| Jeden Unfallpatienten immobilisiert | Zeitverlust und eigener Schaden |