Reanimation
Der Einsatz, an dem sich der Rettungsdienst beweist. Er ist der lauteste, der personalstärkste — und der, bei dem die Rollenverteilung über den Unterschied zwischen Arbeit und Chaos entscheidet.
1. Erkennen
Ein Herz-Kreislauf-Stillstand liegt vor, wenn der Patient nicht reagiert und nicht normal atmet.
| Prüfen | Wie |
|---|---|
| Reaktion | Ansprechen, anfassen, Schmerzreiz |
| Atmung | Sehen, hören, fühlen — kurz, nicht lange |
| Puls | Nur durch Geübte, und nur kurz. Bei Unsicherheit: nicht weiter suchen |
Die Falle heißt Schnappatmung. In den ersten Minuten eines Stillstands macht der Patient oft einzelne, geräuschvolle, unregelmäßige Atemzüge. Das sieht wie Atmung aus und ist keine. Wer daraufhin nicht mit der Reanimation beginnt, verliert die entscheidenden Minuten.
Regel: Bei Zweifel wird reanimiert. Der Schaden einer nicht nötigen Herzdruckmassage ist klein, der Schaden einer versäumten ist endgültig.
2. Die Rollen
Eine Reanimation mit vier oder mehr Helfern braucht eine Person, die nicht drückt. Das ist der wichtigste Satz des Kapitels.
| Rolle | Aufgabe |
|---|---|
| Teamleitung | Drückt nicht, beatmet nicht. Behält die Übersicht, zählt die Zeit, trifft Entscheidungen, spricht mit den Angehörigen, funkt oder lässt funken |
| Kompression | Drückt. Wird regelmäßig gewechselt, weil die Qualität nach kurzer Zeit messbar abfällt |
| Atemweg | Sichert den Atemweg, beatmet |
| Monitor / Defibrillation | Klebt Elektroden, bedient das Gerät, meldet den Rhythmus |
| Zugang und Medikamente | Legt den Zugang, zieht auf, verabreicht auf Anordnung, sagt jede Gabe laut |
| Dokumentation | Schreibt mit — was, wann. Ohne das ist der Bericht hinterher erfunden |
Bei zwei Helfern übernimmt einer Kompression, einer Atemweg und Monitor, und die Teamleitung ist der, der gerade nicht drückt — mit Rollenwechsel. Und es wird sofort Verstärkung gefordert: Engine, zweiter Rescue, was da ist. Eine Reanimation mit zwei Leuten ist unterbesetzt.
Wie Teamführung klingt
Laut, knapp, namentlich — und mit Rückbestätigung:
„Ich führe. — Müller, Kompression. — Chen, Atemweg. — Reyes, Monitor. — Chen, wie ist der Atemweg?" „Atemweg frei, beatme." „Verstanden. Reyes, Rhythmus?" „Nicht defibrillierbar." „Verstanden, weiter drücken. Wechsel in einer Minute."
Die drei Regeln der Teamführung:
- Namen benutzen. „Jemand macht mal den Zugang" führt dazu, dass es niemand macht.
- Jede Anordnung wird zurückbestätigt. Sonst weiß niemand, ob sie angekommen ist.
- Die Teamleitung berührt den Patienten nicht. Wer drückt, sieht nur den Brustkorb.
3. Der Ablauf
| # | Schritt |
|---|---|
| 1 | Stillstand erkennen, Hilfe rufen, Team anfordern |
| 2 | Kompression beginnen — sofort, auf einer harten Fläche, ohne unnötige Pausen |
| 3 | Atemweg sichern und beatmen |
| 4 | Defibrillator anschließen, sobald er da ist — Rhythmus prüfen, bei defibrillierbarem Rhythmus schocken |
| 5 | Weiterdrücken, Unterbrechungen so kurz wie möglich |
| 6 | Zugang und Medikamente nach Standing Orders (Paramedic) |
| 7 | Reversible Ursachen abarbeiten — siehe unten |
| 8 | Rhythmuskontrollen in festen Abständen, Kompressionswechsel |
| 9 | Bei Kreislaufrückkehr (ROSC): sofort Nachsorge, siehe unten |
| 10 | Sonst: Abbruch erwägen nach Kapitel 08 |
Was die Qualität der Kompression ausmacht
| Punkt |
|---|
| Harte Fläche — auf einer Matratze drückt man die Matratze |
| Tief und vollständig entlasten |
| Regelmäßiger Rhythmus |
| Unterbrechungen minimieren — jede Pause kostet den aufgebauten Druck |
| Wechsel bevor man müde ist, nicht wenn man müde ist |
Reversible Ursachen
Die Ursachen, bei denen eine Reanimation Aussicht hat, weil man sie behandeln kann:
| Gruppe | Ursachen |
|---|---|
| Sauerstoff und Volumen | Sauerstoffmangel, Volumenmangel |
| Stoffwechsel | Kalium-Entgleisung, Unterzuckerung, Säure-Basen-Entgleisung |
| Temperatur | Unterkühlung |
| Mechanisch | Spannungspneumothorax, Herzbeuteltamponade |
| Extern | Vergiftung, Lungenembolie, Herzinfarkt |
Diese Liste ist der Grund, warum eine Reanimation eine Suche ist und kein Handgriff. Warum ist dieser Mensch zusammengebrochen? Die Tabletten auf dem Tisch, der eiskalte Körper, die Nadel im Arm, der geschwollene Hals — das sind Hinweise, und jeder davon ändert die Behandlung.
4. Nach der Kreislaufrückkehr (ROSC)
Der Moment, in dem die meisten aufatmen. Tatsächlich beginnt hier ein neuer, sehr kritischer Abschnitt: Diese Patienten brechen häufig wieder ein.
| # | Schritt |
|---|---|
| 1 | Nicht aufatmen. Monitor bleibt dran, Puls wird weiter kontrolliert |
| 2 | Atemweg und Beatmung sichern, Sauerstoff steuern |
| 3 | Kreislauf stützen, Blutdruck messen |
| 4 | EKG ableiten — die Ursache ist oft ein Herzinfarkt |
| 5 | Wärmeerhalt |
| 6 | Voranmeldung mit dem ausdrücklichen Wort ROSC |
| 7 | Transport in eine Klinik, die es kann — nicht in die nächste |
| 8 | Reanimationsbereitschaft während der ganzen Fahrt |
Muster:
„Pillbox Hill von Rescue 27, Voranmeldung, hohe Priorität. Männlich, etwa 60. Beobachteter Kollaps vor 20 Minuten, Reanimation durch uns, ROSC seit vier Minuten. Bewusstlos, beatmet, Kreislauf grenzwertig, EKG abgeleitet. Erbitten Schockraum und Kardiologie. Ankunft in sechs Minuten."
5. Die Angehörigen während der Reanimation
Sie stehen daneben. Immer. Und wie man mit ihnen umgeht, entscheidet, wie sie diesen Tag erinnern.
| Tun |
|---|
| Eine Person zuweisen — bei knappem Personal die Teamleitung, sonst ein Helfer |
| Dabeisein erlauben, wenn sie es wollen und es die Arbeit nicht behindert |
| Erklären, was passiert — in normalen Worten, während es läuft |
| Zwischenstände geben. Auch schlechte |
| Nicht wegschicken, ohne ihnen zu sagen, wohin und warum |
Und wenn es nicht gut ausgeht: Kapitel 08, Abschnitt 4.
6. Trainingsszenario
| Runde | Lage | Was geprüft wird |
|---|---|---|
| 1 | Beobachteter Kollaps, zwei Helfer | Sofortbeginn, Verstärkung gefordert, Rollen getauscht |
| 2 | Wie 1, aber mit vier Helfern | Führt einer, ohne zu drücken? Namentliche Anordnungen? |
| 3 | Schnappatmung | Wird sie als Stillstand erkannt? |
| 4 | Tabletten und Abschiedsbrief neben dem Patienten | Wird die reversible Ursache erkannt und gefunkt? |
| 5 | Ehefrau im Raum, weint | Bekommt sie jemanden zugewiesen? |
| 6 | ROSC nach zwölf Minuten | Wird weiter überwacht, EKG abgeleitet, ROSC in der Voranmeldung genannt, richtige Klinik gewählt? |
| 7 | Kein ROSC nach 28 Minuten, Asystolie | Base-Rücksprache nach Kapitel 08 |
Automatisch nicht bestanden: Schnappatmung als Atmung gewertet · niemand hat geführt · Angehörige ignoriert · nach ROSC Monitor abgenommen · Reanimation still durchgespielt.
7. Typische Fehler
| Fehler | Folge |
|---|---|
| Schnappatmung für Atmung gehalten | Verlorene Minuten, die man nicht zurückbekommt |
| Zu lange nach dem Puls gesucht | Jede Sekunde ohne Kompression zählt |
| Alle drücken, keiner führt | Chaos, doppelte Gaben, niemand funkt |
| Keine Verstärkung gefordert | Zwei Leute halten eine Reanimation nicht durch |
| Kompression auf der Matratze | Man drückt das Bett, nicht das Herz |
| Zu späte Wechsel | Qualität fällt ab, bevor man es merkt |
| Reversible Ursachen nicht bedacht | Der Unterkühlte, der Vergiftete, der Unterzuckerte wird aufgegeben |
| Nach ROSC entspannt | Der Wiedereinbruch kommt genau dann |
| ROSC nicht in der Voranmeldung genannt | Klinik ruft das falsche Team zusammen |
| Nächste statt richtige Klinik | Patient wird zweimal transportiert |
| Angehörige weggeschickt, ohne zu erklären | Der Fehler, der bleibt |
| Nichts dokumentiert | Der Bericht ist hinterher erfunden |