Medizinische Notfälle
Die Einsätze, bei denen es nichts zu sehen gibt und man trotzdem etwas finden muss. Sie machen den Unterschied zwischen einem Rettungsdienst und einer Wundversorgung.
1. Brustschmerz und Herzinfarkt
Der wichtigste medizinische Notfall, weil er häufig, tödlich und zeitkritisch ist.
Erkennen
| Typisch | Untypisch — und deshalb gefährlich |
|---|---|
| Druck oder Enge hinter dem Brustbein | Nur Oberbauchschmerz oder Übelkeit |
| Ausstrahlung in Arm, Hals, Kiefer, Rücken | Nur Atemnot, ohne Schmerz |
| Kalter Schweiß, Übelkeit, Todesangst | Nur ungewöhnliche Erschöpfung |
| Beschwerden halten an, unabhängig von Bewegung | Häufiger bei Frauen, älteren Menschen und Diabetikern |
Ein erheblicher Teil der Herzinfarkte verläuft untypisch. Wer nur nach dem Lehrbuchbild sucht, übersieht sie. Faustregel: Jeder Beschwerdekomplex zwischen Kiefer und Nabel ist bis zum Beweis des Gegenteils ein Herz.
Ablauf
| # | Schritt |
|---|---|
| 1 | Patient hinsetzen und beruhigen — nicht laufen lassen |
| 2 | Sauerstoff nach Bedarf, nicht routinemäßig hoch dosiert |
| 3 | EKG so früh wie möglich (Paramedic) — es entscheidet über die Zielklinik |
| 4 | OPQRST und SAMPLER (Kapitel 10) |
| 5 | Acetylsalicylsäure und Nitroglycerin nach Leitlinie und Scope (Kapitel 06) |
| 6 | Zugang, Schmerztherapie (Paramedic) |
| 7 | Zielklinik: STEMI Receiving Center bei typischem EKG-Befund |
| 8 | Voranmeldung mit dem Wort STEMI — die Klinik ruft dann das Katheterteam zusammen |
| 9 | Transport, Reanimationsbereitschaft — diese Patienten bleiben stehen |
Bei einem Herzinfarkt zählt die Zeit bis zur Wiedereröffnung des Gefäßes. Ein Krankenhaus ohne Katheterlabor kann das nicht und verlegt weiter. Der Umweg ins richtige Haus ist fast immer schneller als der Weg ins nächste.
2. Schlaganfall
Der zweite große Zeitnotfall. Hier ist der Rettungsdienst fast ausschließlich Erkennung und Transport — behandelt wird in der Klinik.
Erkennen — FAST
| Buchstabe | Prüfen |
|---|---|
| F — Face | Bitten zu lächeln. Hängt ein Mundwinkel? |
| A — Arms | Beide Arme nach vorn halten lassen. Sinkt einer ab? |
| S — Speech | Einen Satz nachsprechen lassen. Verwaschen, falsche Wörter, gar nichts? |
| T — Time | Wann hat es angefangen? Die wichtigste Frage des Einsatzes |
Dazu: plötzlicher Sehverlust, stärkster Kopfschmerz, Schwindel mit Gangunsicherheit, Bewusstseinsstörung.
Die Zeitfrage
„Wann war der Patient zuletzt sicher ohne Symptome?"
Nicht „wann wurde es bemerkt". Diese Unterscheidung entscheidet über die Behandlung in der Klinik. Bei jemandem, der mit Symptomen aufwacht, gilt der Zeitpunkt des Einschlafens — nicht des Aufwachens.
Deshalb wird immer nach einem Zeugen gesucht, und der Zeuge wird nach Möglichkeit mitgenommen oder seine Telefonnummer notiert.
Ablauf
| # | Schritt |
|---|---|
| 1 | FAST prüfen und dokumentieren, welche Ausfälle bestehen |
| 2 | Zeitpunkt klären, Zeugen befragen |
| 3 | Blutzucker messen — eine Unterzuckerung sieht genauso aus und ist behebbar |
| 4 | Sauerstoff nach Bedarf, Oberkörper leicht erhöht |
| 5 | Nichts zu essen oder zu trinken geben — Schluckstörung |
| 6 | Zugang (Paramedic), Blutdruck dokumentieren, nicht eigenmächtig senken |
| 7 | Zielklinik: Stroke Center |
| 8 | Voranmeldung mit Symptombeginn und Ausfällen |
| 9 | Zügiger Transport |
3. Atemnot
| Ursache | Hinweise |
|---|---|
| Asthma | Pfeifendes Ausatmen, bekannte Erkrankung, Auslöser, eigener Inhalator |
| COPD | Rauchergeschichte, chronisch, sitzt aufrecht und stützt sich ab |
| Lungenödem | Rasselnde Atmung, rosa-schaumiger Auswurf, Herzerkrankung, kann nicht flach liegen |
| Lungenembolie | Plötzlich, einseitiger Brustschmerz, Beinschwellung, lange Immobilisation |
| Anaphylaxie | Schwellung an Gesicht und Hals, Hautausschlag, Auslöser vor kurzem |
| Spannungspneumothorax | Nach Trauma, einseitig fehlendes Atemgeräusch, Kreislauf bricht ein |
| Fremdkörper | Beim Essen begonnen, greift sich an den Hals |
Gemeinsamer Ablauf: Position, die dem Patienten hilft — meist aufrecht — Sauerstoff, beruhigen, Auskultation, Sättigung, dann ursachenbezogen im Rahmen des Scope. Bei Erschöpfung der Atemarbeit: Beatmung und ALS.
Die Position ist Therapie. Einen Menschen mit Atemnot flach zu legen, ist eine der wenigen Maßnahmen, die den Zustand sofort und deutlich verschlechtern. Er sitzt aufrecht, weil er es braucht — nicht, weil er unkooperativ ist.
4. Anaphylaxie
Der Notfall, der am schnellsten tödlich und am einfachsten behandelbar ist.
| Erkennen |
|---|
| Auslöser vor Minuten bis Stunden — Insektenstich, Nahrung, Medikament |
| Hautausschlag, Quaddeln, Juckreiz, Rötung |
| Schwellung an Lippen, Zunge, Hals |
| Atemnot, Pfeifen, Engegefühl im Hals, Stimmveränderung |
| Kreislauf bricht ein |
| Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerz |
Ablauf: Auslöser entfernen, Adrenalin — Pen des Patienten assistierend durch EMT, sonst Paramedic — Sauerstoff, flach lagern bei Kreislaufschwäche, aufrecht bei Atemnot, ALS und Transport. Wiederholte Gaben sind möglich, das entscheidet der Scope und gegebenenfalls die Base.
Wer ein Adrenalin bekommen hat, fährt immer in die Klinik — auch wenn es ihm sofort besser geht. Die Reaktion kann nach Stunden zurückkehren. Eine Verweigerung nach Anaphylaxie ist eine Hochrisiko-Verweigerung (Kapitel 05) und gehört ans Base Hospital.
5. Unterzuckerung und Diabetes
Der häufigste behebbare Notfall — und der, der am häufigsten für etwas anderes gehalten wird.
| Verwechselt mit | Weil |
|---|---|
| Trunkenheit | Verwaschene Sprache, Gangunsicherheit, Aggression |
| Schlaganfall | Einseitige Ausfälle möglich |
| Psychose | Verwirrtheit, Halluzination |
| Krampfanfall | Kann tatsächlich einer sein |
| Erkennen |
|---|
| Kaltschweißig, blass, zittrig |
| Verwirrt, aggressiv, unkooperativ |
| Bekannter Diabetes, Insulin-Pen, Pumpe |
| Hat gespritzt, aber nicht gegessen |
| Blutzucker niedrig |
Ablauf: Blutzucker messen. Beim wachen Patienten Zucker oral — Gel, Saft. Beim bewusstseinsgestörten Patienten nichts in den Mund, sondern Glukose intravenös (AEMT/Paramedic). Danach erneut messen und den Patienten essen lassen.
Jeder verwirrte, aggressive oder bewusstseinsgestörte Patient bekommt einen Blutzucker gemessen. Jeder. Ohne Ausnahme. Es ist die billigste Messung im Rettungsdienst und die mit dem höchsten Ertrag.
6. Krampfanfall
| Während des Anfalls | Nach dem Anfall |
|---|---|
| Nicht festhalten | Seitenlage, Atemweg frei |
| Umgebung sichern, Kopf polstern | Sauerstoff |
| Nichts in den Mund | Blutzucker |
| Zeit messen — wie lange dauert er | Verletzungen suchen — Sturz, Zungenbiss |
| Zusehen und beschreiben: wo fing es an, ein- oder beidseitig | Orientierung prüfen, Nachschlafphase zulassen |
Alarmzeichen: Anfall hält an oder wiederholt sich ohne Aufklaren, erster Anfall im Leben, Schwangerschaft, Trauma, Fieber beim Kind, kein Aufklaren. Dann ALS und Transport, bei anhaltendem Anfall Medikament durch den Paramedic, gegebenenfalls Base.
7. Intoxikation und Überdosis
| Substanz | Bild |
|---|---|
| Opioide | Bewusstlos, sehr enge Pupillen, Atmung langsam bis stehend, blau |
| Stimulanzien | Agitiert, schwitzend, Puls und Blutdruck hoch, Körpertemperatur hoch, Krampfgefahr |
| Alkohol | Bewusstseinsstörung, Erbrechen, Unterkühlung, verdeckt Verletzungen |
| Beruhigungsmittel | Schläfrig bis bewusstlos, Atmung flach |
| Unbekannt / Mischung | Der Normalfall |
Ablauf: Eigenschutz zuerst — Nadeln. Atemweg und Beatmung sind das Entscheidende. Bei Opioidverdacht Naloxon im Rahmen des Scope. Blutzucker. Wärmeerhalt. Alles mitnehmen, was Hinweise gibt: Packungen, Spritzen, Reste — und der Klinik übergeben.
Naloxon weckt den Patienten — und nimmt ihm das Opioid weg. Er wacht auf, ist im Entzug, ist wütend und will gehen. Das ist der Regelfall, nicht die Ausnahme, und es ist eine der unangenehmsten Lagen des Dienstes: ein Patient, der eben noch nicht geatmet hat, beschimpft dich und verweigert den Transport. Verfahren: Kapitel 05, und die Wirkung kann vor dem Opioid enden — deshalb gehört er in die Klinik.
Der Betrunkene mit Kopfverletzung
Eigene Zeile, weil es der gefährlichste Patient dieses Kapitels ist:
Alkohol verdeckt Verletzungen und Unterzuckerung. Ein Betrunkener mit Kopfverletzung ist bis zum Beweis des Gegenteils kein Betrunkener, sondern ein Schädel-Hirn-Trauma. Er ist nicht einwilligungsfähig, und er gehört nicht in die Ausnüchterungszelle.
8. Weitere Lagen in Kurzform
| Lage | Das Wesentliche |
|---|---|
| Hitzenotfall | Aus der Hitze, kühlen, trinken beim Wachen. Heiße trockene Haut mit Bewusstseinsstörung ist lebensbedrohlich → Code 3 |
| Unterkühlung | Vorsichtig bewegen, passiv wärmen, nicht reiben. „Niemand ist tot, bis er warm und tot ist" |
| Verbrennung | Kurz kühlen, dann wärmen; Fläche schätzen, Atemwegsbeteiligung prüfen (Ruß, heiserer Husten); Burn Center |
| Ertrinken | Atemweg und Beatmung, Unterkühlung, immer Klinik — auch bei Wohlbefinden |
| Geburt | Ruhe, Lagerung, nicht ziehen, Neugeborenes wärmen und abtrocknen, beide transportieren |
| Bauchschmerz | Keine Diagnose vor Ort. Lagerung, Vitalwerte, Transport. Bei Schockzeichen und älterem Patienten an eine Gefäßkatastrophe denken |
| Psychische Krise | Kapitel 15 |
9. Trainingsszenario
| Runde | Lage | Was geprüft wird |
|---|---|---|
| 1 | 55-jähriger, Druck auf der Brust, kalter Schweiß | EKG, ASS/Nitro im Scope, STEMI Center, Voranmeldung |
| 2 | 70-jährige, seit dem Aufwachen hängender Mundwinkel | FAST, Zeitpunkt = Einschlafen, Blutzucker, Stroke Center |
| 3 | Bewusstlos, enge Pupillen, Atmung langsam | Opioid erkannt, Beatmung zuerst, Naloxon, Transportpflicht |
| 4 | Wie 3 — Patient wacht auf und will gehen | AMA-Verfahren, Base-Rücksprache |
| 5 | Aggressiver, schwitzender Patient, wirkt betrunken | Blutzucker gemessen? (Antwort: Unterzuckerung) |
| 6 | Atemnot, sitzt aufrecht, pfeift | Position gelassen, nicht flach gelegt |
| 7 | Insektenstich, Lippen schwellen, Atemnot | Anaphylaxie erkannt, Adrenalin, Transportpflicht auch bei Besserung |
| 8 | Betrunkener mit Platzwunde am Kopf nach Sturz | Als Schädel-Hirn-Trauma behandelt, nicht als Trunkenheit |
Automatisch nicht bestanden: Blutzucker bei Bewusstseinsstörung nicht gemessen · Atemnotpatient flach gelegt · Herzinfarkt in die nächste statt ins STEMI Center · Schlaganfall ohne Zeitpunkt · Anaphylaxie ohne Transport entlassen · Betrunkenen mit Kopfverletzung gehen lassen.
10. Typische Fehler
| Fehler | Folge |
|---|---|
| Nur nach dem Lehrbuch-Herzinfarkt gesucht | Der untypische wird übersehen |
| Herzinfarkt in die nächste Klinik | Verlegung und verlorene Zeit |
| Beim Schlaganfall nicht nach dem Zeitpunkt gefragt | Die Klinik kann nicht entscheiden |
| Blutzucker nicht gemessen | Die häufigste verpasste behebbare Ursache |
| Atemnotpatient flach gelegt | Sofortige Verschlechterung |
| Nach Adrenalin gehen gelassen | Die Reaktion kann zurückkommen |
| Nach Naloxon gehen gelassen | Die Wirkung endet vor dem Opioid |
| Betrunkenen als betrunken abgetan | Die Blutung im Kopf wird zu spät gefunden |
| Nichts von der Einsatzstelle mitgenommen | Die Klinik weiß nicht, womit sie es zu tun hat |
| Beim Krampfanfall festgehalten oder etwas in den Mund | Verletzt Patient und Helfer |
| Verbrennung zu lange gekühlt | Unterkühlung obendrauf |