Tod, DNR und Reanimationsabbruch
Das schwerste Kapitel dieses Handbuchs. Auf den meisten Servern ist Tod ein Timer und Wiederbelebung eine Taste. Damit fällt das weg, was diese Einsätze im echten Rettungsdienst prägt: die Entscheidung, nicht anzufangen — oder aufzuhören.
1. Wann nicht mit einer Reanimation begonnen wird
Es gibt Zustände, bei denen eine Reanimation nicht begonnen wird, weil sie offensichtlich sinnlos ist. Die Feststellung trifft in der Regel der Paramedic, in unklaren Fällen nach Base-Rücksprache.
| Zustand |
|---|
| Mit dem Leben nicht zu vereinbarende Verletzungen — Abtrennung des Kopfes, Zerstörung des Rumpfes |
| Vollständige Verbrennung über die gesamte Körperoberfläche |
| Totenflecken und Leichenstarre |
| Verwesung |
| Eine gültige DNR-Anordnung oder ein POLST mit entsprechender Festlegung |
| Bei einem MANV: Sichtungskategorie Schwarz — siehe Kapitel 14 |
„Sieht schlecht aus" ist keiner dieser Zustände. Unterkühlte, Ertrunkene, Kinder, Stromunfälle und Vergiftete werden reanimiert, auch wenn die Lage hoffnungslos wirkt. Bei Unterkühlung gilt der Merksatz „niemand ist tot, bis er warm und tot ist" — die Reanimation läuft bis in die Klinik.
2. DNR und POLST
| Dokument | Was es ist |
|---|---|
| DNR (Do Not Resuscitate) | Anordnung, im Falle eines Herz-Kreislauf-Stillstands keine Reanimation zu beginnen |
| POLST (Physician Orders for Life-Sustaining Treatment) | Differenzierteres Formular: legt fest, welche Maßnahmen gewünscht sind und welche nicht — von „alles" bis „nur Komfort" |
Die Regeln
- Ein gültiges DNR oder POLST schlägt die Anweisung von Angehörigen und Vertretern. Wenn der Sohn „machen Sie alles!" ruft und ein gültiges DNR vorliegt, gilt das DNR.
- Ein einwilligungsfähiger Patient kann seine eigene Festlegung jederzeit widerrufen. Wer bei Bewusstsein sagt „ich will doch behandelt werden", bekommt Behandlung.
- DNR heißt nicht „keine Behandlung". Es heißt „keine Reanimation". Schmerzlinderung, Sauerstoff, Lagerung, Zuwendung, Transport — alles weiter möglich und oft genau das, was gebraucht wird.
- Im Zweifel wird reanimiert. Kein Dokument auffindbar, Zweifel an der Gültigkeit, widersprüchliche Angaben: anfangen. Man kann eine Reanimation beenden, aber keine nachholen.
- Base-Rücksprache bei jeder DNR-Lage, die nicht eindeutig ist.
Der häufigste Fehler bei DNR-Patienten ist nicht, dass zu viel gemacht wird — sondern dass zu wenig gemacht wird. Eine Sterbende mit Atemnot hat Anspruch auf Erleichterung, auch wenn sie nicht reanimiert werden will.
3. Reanimationsabbruch im Feld
Eine begonnene Reanimation kann im Feld beendet werden. Das ist eine Entscheidung mit Verfahren, nicht ein Aufgeben.
Voraussetzungen
| Voraussetzung |
|---|
| Reanimation über einen ausreichenden Zeitraum leitliniengerecht durchgeführt |
| Atemweg gesichert, Beatmung wirksam |
| Kein Kreislauf wiedergekehrt |
| Ein nicht defibrillierbarer Rhythmus, durchgehend |
| Keine reversible Ursache, die noch behandelt werden kann |
| Keine besonderen Umstände (Unterkühlung, Kind, Vergiftung, Ertrinken, Schwangerschaft) |
| Base-Rücksprache und Freigabe |
Ablauf
| # | Schritt |
|---|---|
| 1 | Lage zusammenfassen — was wurde gemacht, wie lange, welcher Rhythmus |
| 2 | Base Hospital anfunken und Abbruch beantragen |
| 3 | Weisung abwarten und zurückbestätigen |
| 4 | Reanimation beenden, Zeitpunkt notieren |
| 5 | Angehörige informieren — persönlich, im Raum, nicht über die Schulter |
| 6 | Patient nicht bewegen, wenn eine Untersuchung folgt |
| 7 | LSPD anfordern, 11-44 funken |
| 8 | Angehörige nicht allein lassen, bis jemand da ist |
| 9 | PCR schreiben, vollständig |
Muster für die Base-Anfrage:
„Base von Rescue 27, erbitte Weisung zum Reanimationsabbruch. Männlich, etwa 70, Kollaps beobachtet, Beginn durch uns nach etwa acht Minuten. Reanimation läuft seit 28 Minuten, Atemweg gesichert, Beatmung wirksam. Durchgehend Asystolie, kein Kreislauf, keine reversible Ursache erkennbar. Keine Unterkühlung, keine Intoxikation bekannt. Erbitten Abbruch."
4. Die Angehörigen
Der Teil, der über die Qualität des Einsatzes entscheidet — und der am häufigsten vernachlässigt wird.
Was hilft
| Tun |
|---|
| Hinsetzen. Nicht über jemandem stehen, dem man das sagt |
| Klare Worte. „Er ist gestorben." Nicht „wir haben ihn verloren", nicht „er ist von uns gegangen" |
| Nicht ausweichen. Wer unklar spricht, muss es zweimal sagen |
| Pause lassen. Nach dem Satz kommt Stille, und die ist in Ordnung |
| Sagen, was ihr getan habt — ohne Fachsprache. Menschen wollen wissen, dass jemand gekämpft hat |
| Sagen, was jetzt passiert — Polizei kommt, Arzt kommt, Bestatter, Zeitrahmen |
| Berühren erlauben. Angehörige dürfen ihren Toten anfassen, wenn keine Untersuchung entgegensteht |
| Bleiben, bis jemand da ist |
Was nicht hilft
| Nicht |
|---|
| Fachsprache — „Asystolie", „ROSC ausgeblieben" |
| Schuldzuweisung, auch keine unterschwellige („hätten Sie früher angerufen …") |
| Falsche Hoffnung — „in der Klinik hätten sie vielleicht …" |
| Beschwichtigen — „er hat nichts gespürt" weiß niemand |
| Sofort einpacken und abfahren |
5. DOA — tot aufgefunden
Ist der Tod offensichtlich und lange eingetreten, ist es kein Rettungseinsatz mehr, sondern eine Fundsituation:
| # | Schritt |
|---|---|
| 1 | Tod feststellen — und die Feststellung begründen können |
| 2 | Nichts verändern. Auch keine Decke darüber, wenn es vermeidbar ist |
| 3 | LSPD anfordern, 11-44 |
| 4 | Coroner wird über die Polizei angefordert |
| 5 | Wer war da, was wurde berichtet — notieren |
| 6 | Am Ort bleiben, bis die Polizei übernimmt |
| 7 | PCR schreiben, auch ohne Patient im Sinne einer Behandlung |
Jeder unklare Todesfall ist zunächst ein potenzieller Tatort. Auch die Oma im Bett. Der Rettungsdienst entscheidet nicht, ob es einer ist — er verhält sich so, als wäre es einer, bis die Polizei es anders sagt.
6. Trainingsszenario
| Runde | Lage | Was geprüft wird |
|---|---|---|
| 1 | Kollaps, beobachtet, kein Puls | Wird sofort reanimiert? Teamführung? |
| 2 | Alte Frau im Bett, Totenflecken, Starre | Wird nicht reanimiert — und begründet? LSPD gerufen, 11-44? |
| 3 | Reanimation läuft 25 Minuten, Asystolie | Wird Base angefunkt und die Weisung bestätigt? |
| 4 | Wie 3, aber der Patient ist unterkühlt | Wird nicht abgebrochen? |
| 5 | Gültiges DNR, Angehöriger verlangt Reanimation | Gilt das DNR? Wird trotzdem Sauerstoff und Zuwendung gegeben? |
| 6 | Nach dem Tod: Ehefrau im Raum | Das ist die Prüfung. Hinsetzen, klare Worte, bleiben |
Automatisch nicht bestanden: Unterkühlten abgebrochen · abgebrochen ohne Base · bei
Zweifeln nicht angefangen · Angehörige mit Fachsprache abgefertigt · Leiche bewegt, bevor die
Polizei da war · ohne 11-44 abgefahren.
7. Typische Fehler
| Fehler | Folge |
|---|---|
| „Sieht hoffnungslos aus" als Grund, nicht anzufangen | Man kann beenden, nicht nachholen |
| Unterkühlten oder Ertrunkenen früh abgebrochen | Menschen sind daraus zurückgekommen |
| DNR als „keine Behandlung" gelesen | Der Patient leidet, obwohl man helfen darf |
| DNR ignoriert, weil ein Angehöriger drängt | Das Dokument schlägt den Angehörigen |
| Abbruch ohne Base-Freigabe | Eigenmächtig |
| Zeitpunkt nicht notiert | Fehlt in jeder späteren Urkunde |
| Leiche bewegt oder zugedeckt | Möglicher Tatort verändert |
11-44 nicht gefunkt |
Polizei und Coroner wissen nichts |
| Angehörige allein gelassen | Der Fehler, an den sich Menschen ein Leben lang erinnern |
| „Wir haben ihn verloren" statt „er ist gestorben" | Muss zweimal gesagt werden, und das ist grausamer |