Spezielle Einsatzlagen
Fünf Lagen, die eigene Verfahren haben und die jeder Officer regelmäßig bekommt.
1. Häusliche Gewalt (273.5 PC)
Der gefährlichste Routineeinsatz, den es gibt. Hohe emotionale Aufladung, Waffen im Haus, Beteiligte, die eine Vorgeschichte miteinander haben und beide den Officer als Gegner sehen können.
Rechtslage
Kalifornien verpflichtet jede Polizeibehörde (§ 13701 PC), schriftliche Richtlinien für Einsätze wegen häuslicher Gewalt zu haben. Der Kern dieser Vorschrift:
- Häusliche Gewalt ist als Straftat zu behandeln, nicht als Privatangelegenheit
- Hilfeersuchen haben dieselbe Priorität wie andere Gewaltdelikte
Pflichtfestnahme bei Verstoß gegen eine Schutzanordnung (§ 836(c)(1) PC):
Wenn ein Officer zu einem gemeldeten Verstoß gegen eine Schutzanordnung (Protective Order / Restraining Order) gerufen wird und Probable Cause hat, dass die betroffene Person von der Anordnung Kenntnis hatte und gegen sie verstoßen hat, muss er sie ohne Haftbefehl festnehmen — auch wenn der Verstoß nicht in seiner Gegenwart geschah.
Das ist kein Ermessen. "Sie wollte keine Anzeige" ändert daran nichts.
Nach der Festnahme ist so bald wie möglich zu bestätigen, dass eine gültige Fassung der Anordnung registriert ist — es sei denn, das Opfer legt selbst eine Kopie vor.
Dominant Aggressor
Wenn beide Seiten Verletzungen haben und beide sich beschuldigen, wird nicht einfach beide festgenommen. Der Officer ist verpflichtet, sich in vertretbarem Umfang darum zu bemühen, den Dominant Aggressor zu ermitteln — und kann diesen festnehmen.
Dominant Aggressor ist die Person, die als der bedeutendste Aggressor gilt — nicht die, die zuerst zugeschlagen hat.
Dafür werden bewertet:
- Schwere der jeweiligen Verletzungen
- Wer hatte Angst vor wem?
- Vorgeschichte von Gewalt zwischen den Beteiligten
- Wer handelte in Notwehr?
- Wer hat die Kontrolle in der Beziehung?
Bei gegenseitigen Schutzanordnungen greift die Pflichtfestnahme nur gegenüber der Person, die vernünftigerweise als Dominant Aggressor anzusehen ist.
Ablauf
| # | Schritt |
|---|---|
| 1 | Mit zwei Einheiten anfahren. Nie alleine zu einem DV-Einsatz. |
| 2 | Cold Approach — Blaulicht und Sirene vorher aus. |
| 3 | Vor der Tür hören. Was passiert drin? Schreie, Schläge, Gegenstände? |
| 4 | Nicht frontal vor der Tür stehen. |
| 5 | Beteiligte sofort trennen — verschiedene Räume, außer Hörweite. Nicht verhandeln, machen. |
| 6 | Getrennt befragen. Jeder Officer ein Beteiligter. |
| 7 | Verletzungen suchen und dokumentieren — auch die, die nicht gezeigt werden. Fotos. |
| 8 | Nach Waffen im Haus fragen und sie sicherstellen |
| 9 | Kinder? Wo sind sie, haben sie es gesehen, sind sie in Gefahr? |
| 10 | Nach Schutzanordnungen fragen und im MDT prüfen |
| 11 | Entscheidung: Festnahme (Pflicht bei Anordnungsverstoß), Dominant Aggressor, oder Bericht ohne Festnahme |
| 12 | Opfer informieren — über Schutzanordnung (EPO), Hilfsangebote, den weiteren Ablauf |
| 13 | Bericht — immer. Auch ohne Festnahme. Der Bericht ist die Vorgeschichte für den nächsten Einsatz. |
Ein Officer nimmt einem Opfer die Entscheidung ab. Das Opfer trägt nicht die Verantwortung für die Festnahme — der Officer tut es. Genau deshalb gibt es die Pflichtfestnahme.
2. Psychische Krise (5150 W&I)
Rechtslage
Welfare & Institutions Code § 5150 erlaubt die Zwangsunterbringung zur psychiatrischen Begutachtung für bis zu 72 Stunden. Voraussetzung: Es besteht wegen einer psychischen Störung Grund zur Annahme, dass die Person
| Kriterium |
|---|
| eine Gefahr für sich selbst ist |
| eine Gefahr für andere ist |
| gravely disabled ist — sich nicht mehr selbst mit Nahrung, Kleidung und Unterkunft versorgen kann |
Ein 5150 ist keine Festnahme. Die Person ist keine Beschuldigte, sie hat kein Verbrechen begangen, sie kommt nicht ins Gefängnis, sondern in eine Klinik. Behandle sie entsprechend.
Ablauf
| # | Schritt |
|---|---|
| 1 | Langsam machen. Zeit ist hier das einzige Werkzeug, das zuverlässig funktioniert. |
| 2 | Reizarm. Sirene aus, Blaulicht aus, Funk leiser, Zuschauer wegschicken, andere Officer zurücknehmen. |
| 3 | Einer redet. Nur einer. Alle anderen schweigen und bleiben auf Abstand. |
| 4 | Abstand halten. Abstand ist beruhigend und sicher. |
| 5 | Namen benutzen. Fragen stellen. Zuhören. Nicht befehlen, nicht diskutieren, nicht widersprechen. |
| 6 | Nicht lügen. "Wir fahren nur mal kurz" zerstört das Vertrauen genau in dem Moment, in dem man es braucht. |
| 7 | Spezialisten anfordern — MEU / SMART, Krisenberater, Verhandler |
| 8 | Angehörige einbeziehen, wenn sie beruhigend wirken — und wegschicken, wenn nicht |
| 9 | Waffen und gefährliche Gegenstände aus der Reichweite bringen, unauffällig |
| 10 | Transport in die Klinik, mit Rettungsdienst wenn möglich, nicht im Streifenwagen-Käfig |
Sätze, die funktionieren
"Ich bin nicht hier, um Sie festzunehmen." "Ich will verstehen, was los ist." "Ich habe Zeit. Wir können hier stehen, so lange Sie wollen." "Was brauchen Sie gerade?" "Ich sage Ihnen, was ich als Nächstes tue, bevor ich es tue."
Sätze, die es schlimmer machen
"Beruhigen Sie sich." — teilt der Person mit, dass ihr Zustand das Problem ist "Das ist doch nicht so schlimm." — entwertet "Wenn Sie nicht mitkommen, muss ich Sie zwingen." — Drohung in einer Krise "Legen Sie das Messer hin, sonst schieße ich." — wenn es nicht wirklich der letzte Satz ist
3. Barrikadenlage und Geiselnahme
Siehe die Abgrenzung in Kapitel 14, Abschnitt 4.
Grundsatz
Zeit arbeitet für die Polizei. Solange niemand akut verletzt wird, ist Warten die Strategie, nicht das Zögern.
Ablauf
| # | Schritt |
|---|---|
| 1 | Absperren — inneres und äußeres Sperrgebiet, alle Zugänge |
| 2 | Evakuieren — Nachbarn, Passanten, angrenzende Gebäude |
| 3 | Funken und anfordern: Supervisor, SWAT, Verhandler, RTW, Air |
| 4 | Einsatzleitung übergeben — sobald der Sergeant/Lieutenant da ist, führt er |
| 5 | Kontakt aufnehmen — Telefon, Lautsprecher, Rufkontakt. Einer redet, immer derselbe. |
| 6 | Informationen sammeln: Wer ist drin? Wie viele? Waffen? Verletzte? Was will die Person? |
| 7 | Nichts zusagen, was man nicht halten kann |
| 8 | Nicht stürmen, solange nicht unmittelbar jemand getötet oder schwer verletzt wird |
Die Schwelle zum Zugriff
Ein Zugriff erfolgt, wenn:
- jetzt jemand getötet oder schwer verletzt wird
- die Verhandlung endgültig gescheitert ist und eine Gefahr für Leben besteht
- eine taktische Gelegenheit existiert, die die Lage ohne Gewalt beendet
Nicht, weil es lange dauert.
4. Verkehrsunfall
| # | Schritt |
|---|---|
| 1 | Absichern zuerst. Streifenwagen schräg als Schutzschild, Warnblinker, Kegel, Absperrband. Die Unfallstelle ist gefährlicher als der Unfall. |
| 2 | Funken: 11-80 (Schwerverletzte) oder 11-81 (Leichtverletzte) oder 11-82 (nur Sachschaden), bei Todesopfern 11-44. RTW und Feuerwehr anfordern. |
| 3 | Verletzte versorgen — Rettungsdienst hat Vorrang vor allem anderen |
| 4 | Fahrtauglichkeit prüfen — Alkohol (23152), Drogen, Handy |
| 5 | Unfallflucht? 20001 bei Personenschaden, 20002 bei Sachschaden |
| 6 | Spuren dokumentieren — Endstellungen, Bremsspuren, Trümmerfeld, Fotos |
| 7 | Beteiligte und Zeugen erfassen, getrennt befragen |
| 8 | Abschleppen — 11-85 |
| 9 | Fahrbahn freigeben und Verkehr wieder laufen lassen |
| 10 | Bericht |
Bei schweren Unfällen und Unfällen mit Todesfolge übernimmt die Traffic Division die Ermittlung. Die Streife sichert und übergibt.
5. Ladendiebstahl und Citizen's Arrest
Der häufigste Bagatelleinsatz — und der, bei dem Officer am häufigsten in einen Rechtsfehler laufen.
Ablauf
| # | Schritt |
|---|---|
| 1 | Wer hat was beobachtet? Der Officer selbst hat es nicht gesehen. Also: Wer ist der Zeuge, und was genau hat er gesehen? |
| 2 | Ist Ware tatsächlich aus dem Laden gebracht worden? Ohne Verlassen der Kassenzone meist kein vollendeter Diebstahl. |
| 3 | Wert feststellen — 484 (Petty Theft) oder 487 (Grand Theft) |
| 4 | Ware sichern und dokumentieren |
| 5 | Entscheidung: Festnahme, Anzeige ohne Festnahme, oder Hausverbot |
| 6 | Bericht |
Citizen's Arrest
Ein Ladendetektiv oder Bürger hält jemanden fest und übergibt an die Polizei. Der Officer prüft:
| Prüffrage |
|---|
| War die Festnahme rechtmäßig — also hat der Bürger die Tat tatsächlich beobachtet? |
| War die angewendete Gewalt angemessen? |
Angemessene Gewalt bei einer Jedermanns-Festnahme ist zulässig. Wer dabei unverhältnismäßige Gewalt anwendet, wird selbst zum Täter — und der Officer muss das ebenso bearbeiten wie den Diebstahl.
Das ist eine unangenehme Abwägung: Der Officer hat zwei potenzielle Täter vor sich, und einer von ihnen hat ihn gerufen.
6. Typische Fehler in allen fünf Lagen
| Fehler | Lage |
|---|---|
| Alleine angefahren | Häusliche Gewalt |
| Beteiligte nicht getrennt | Häusliche Gewalt |
| Nur mit dem geredet, der die Tür geöffnet hat | Häusliche Gewalt |
| Opfer entscheiden lassen, ob festgenommen wird | Häusliche Gewalt |
| Beide festgenommen, ohne Dominant Aggressor zu prüfen | Häusliche Gewalt |
| Kein Bericht, weil keine Festnahme | Häusliche Gewalt |
| Sechs Officer rufen gleichzeitig | 5150, Barrikadenlage |
| Getasert, obwohl nur Selbstgefährdung vorlag | 5150 |
| Gelogen, um die Person ins Auto zu bekommen | 5150 |
| Gestürmt, weil es zu lange dauerte | Barrikadenlage |
| Unfallstelle nicht abgesichert | Verkehrsunfall |
| Spuren nicht dokumentiert, Fahrbahn zu früh freigegeben | Verkehrsunfall |
| Festgenommen, ohne zu klären, wer was beobachtet hat | Ladendiebstahl |
| Die Gewalt des Ladendetektivs nicht geprüft | Citizen's Arrest |